Wissenswertes…

…über Versandapotheken

(01.08.2018, Quelle: Neue allgemeine Gesundheitszeitung für Deutschland)

Nicht systemrelevant?
Sicherheit ist unverzichtbar – aber alle 38 Stunden stirbt eine „Vor-Ort-Apotheke“

Wussten Sie schon, dass an jedem Tag knapp vier Millionen Menschen eine Apotheke aufsuchen? Das tun die Bürger nicht aus Lust oder Langeweile. Die einen kommen vom Arzt, sind krank und müssen Rezepte einlösen. Die anderen fühlen sich nicht wohl und benötigen apothekerlichen Rat und Medikamente. Und wieder andere sind „Besorger“, die für Angehörige oder Nachbarn den Weg in die Apotheke finden. Sie alle brauchen die Apotheke. Jetzt.

Es ist diese tägliche Präsenz in der akuten Versorgung, die die Apotheke eigentlich zum unverzichtbaren Teil der gesellschaftlichen Umgebung macht. Eigentlich. Doch die Erkenntnis dringt nicht durch. Das Internet regiert. Wieso muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich meine teuren Lifestyle-Produkte und Langzeit-Medikamente im Versandhandel kaufe? Andere tun es ja auch. Und der Staat hat nichts dagegen. Sonst würde er den Internethandel mit Arzneimitteln ja verbieten.

Wenn man dann akut erkrankt, dringend Arzneimittel braucht, nachts das Kind fiebert, kann man ja immer noch in die Apotheke um die Ecke gehen – denkt man. Doch wenn sie geschlossen ist, weil die Internetkäufer ihr über Jahre Umsätze und Ertrag weggenommen haben, kann der Weg sehr weit sein. Macht nichts? Welch grandioser Fehlschluss. Den kann man aber nicht dem einzelnen Bürger anlasten. Nur denen, die es besser wissen müssten. Den politischen Entscheidern. Doch die denken nicht weiter. Nicht gesamtgesellschaftlich. Nur taktisch. Wie läuft der Trend mit dem Internethandel Wie digitalinteressiert möchte ich als Politiker wirken? Außerdem – sind die Apotheken nicht selbst schuld?

Wo viele Menschen leben, praktizieren viele Ärzte. Wo viele Menschen und viele Ärzte sind, gibt es viele Apotheken. Natürlich haben sich die Bilder von den „drei Apotheken in einer Straße“ tief in das kollektive Gedächtnis der Gesellschaft eingegraben. Jeder von uns hat sie schon gesehen. Und ja, es kann sein, dass die eine oder die andere Apotheke dort wirklich „zu viel“ ist und „eingespart“ werden könnte. Doch das besorgt schon der Wettbewerb untereinander. Der ist knüppelhart. Nur – das ist nicht das Problem.

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Denn alle 38 Stunden macht eine Apotheke in Deutschland für immer die Lichter aus. Interessiert das die Öffentlichkeit? Deutschland ist inzwischen im unteren Drittel der EU angekommen, was das Verhältnis der Zahl der Apotheken zur Einwohnerzahl anbetrifft. Mit nur noch 24 Apotheken je 100 000 Einwohner liegen wir in der Versorgung der Bürger mit Arzneimitteln irgendwo zwischen Kroatien und Tschechien.

Ist dennoch die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln durch die Vor-Ort-Apotheken gesichert? Einstweilen noch ja. Auch wenn vielerorts die Entfernungen weiter und die Wege länger geworden sind. Und sie werden noch länger, wenn der Trend zur sterbenden Apotheke anhält. Aber immer noch arbeiten in den 19 748 Apotheken, die es Anfang des Jahres noch gab, 170 000 Beschäftigte und Inhaber. Wären sie in einem einzigen Unternehmen beschäftigt, würde sich der Wirtschaftsminister persönlich um ihr Wohlergehen kümmern. So aber ist das Schicksal der einzelnen Apotheke für die Politik uninteressant. Das bewährte Apothekensystem als Teil des Gesundheitssystems existiert ja. Noch.

Diese bewährte Struktur gilt es allerdings mittelfristig zu zerstören. Darin scheinen sich Politiker aller Parteien, viele Medien und die lange Reihe der ehemaligen Gesundheitsminister mit Ausnahme von Hermann Gröhe (CDU) einig zu sein. Auf eine konkrete Maßnahme seitens des amtierenden Gesundheitsministers Jens Spahn (CDU), durch ein Verbot des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln diese Zerstörung ufzuhalten oder gar zu verhindern, wartet man noch.

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Doch um ihren gesamtgesellschaftlichen Aufgaben gerecht zu werden, braucht die Apotheke nicht nur Erträge. Sie braucht auch die Anerkennung von Politik und Gesellschaft für ihre Leistungen, die ihr vom Staat als notwendig abverlangt werden. Die schnelle Akutversorgung mit Arzneimitteln nach dem Arztbesuch. Der Notdienst, den Nacht für Nacht 20 000 Menschen aufsuchen. Die Herstellung von über 13 Millionen individuellen Rezepturen pro Jahr. Der komplizierte und verantwortungsvolle Umgang mit Betäubungsmitteln. Die zeitraubende persönliche Beratung der Patienten über die Auswirkungen von inzwischen mehr als 27 000 Rabattverträgen. Die aktive Mithilfe bei Rückrufen von Arzneimitteln wie jetzt im Fall des Blutdrucksenkers Valsartan.

All diese gesamtgesellschaftlichen Aufgaben hat der Staat den Versandhandelsfirmen sozusagen erlassen. Für die Akutversorgung stehen sie nicht zur Verfügung. Einen Notdienst in der Nacht, an Sonn- und Feiertagen – Fehlanzeige. Sie brauchen nicht mitzumachen. Warum nicht? Weil sonst das Versandsystem nicht funktionieren würde. Was funktioniert, ist staatlich gefördertes Rosinenpicken als Geschäftsmodell. Zu Lasten der Vor-Ort-Apotheken. Die Schließung einer Apotheke alle 38 Stunden – ein Kollateralschaden.

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